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13 December 2018

Lance Butters

Nicht selten heißt es bei Rappern, dass sie eine düstere Platte gemacht hätten – und dann? Wieder nur der ewiggleiche Einheitsbrei aus pseudo-melodramatischen Beats und pathosgeschwängerten Befindlichkeitstexten. Wer Lance Butters kennt, der weiß, dass das nicht seine Sache ist. Sein zweites Album »ANGST« ist wirklich dunkler Scheiß. Ein Album, das einen runterzieht wie tonnenschweres Blei. Ein Album voll Negativität. Warum? Weil Lance sie in sich trägt. Weil er kaputt ist. Weil er an allem zweifelt. Weil er am Arsch ist.

»›BLAOW‹ war die Wohnung, für euch alles so wie gewohnt / und jetzt sehen sie meinen Keller, er ist kahl und vermodert«, rappt Lance Butters im Song »Keller« – und macht damit unmissverständlich klar: Sein zweites Soloalbum »ANGST« führt den Hörer eine Etage tiefer. Dorthin, wo es kalt, leer, dunkel und ungemütlich ist. An einen Ort, an dem eigentlich keiner sein will. Nicht mal Lance selbst.

Aber was willst du machen, wenn trotz tausendfach verkauften Platten, Platz 2 in den Charts, ausverkauften Tourneen und all dieser doch relevanten Zahlen einfach alles scheiße ist? Wenn du deinen eigenen Film fährst und mit jeder EP, jedem Album und jedem Song straight dein Ding durchziehst und eine lupenreine Legacy vorzuweisen hast? Wenn keiner das wirklich checkt und du trotzdem nicht oben mitspielst, sondern bis zum Hals in Schulden steckst? Wenn du dich mit Freunden überwirfst? Wenn das, was du mal so geliebt und wofür du so gebrannt hast, sich in das genaue Gegenteil gewandelt? Wenn die letzten sechs Jahre unterm Strich einfach ein Witz waren und du dich mehr als einmal fragst, wofür du den ganzen Scheiß eigentlich noch machst?

Man hört »ANGST« diesen Abfuck und die Verbitterung auf jedem der 14 Songs an. An jeder Zeile, jedem Wort und jedem Ton. Ja, da sind immer noch die abfälligen Bemerkungen über die Rap-Konkurrenz und deren peinliches Promo-Gehabe. Die Einfalls- und Identitätslosigkeit und die daraus resultierende Abziehbildchen-Mentalität der Copy Cats, deren Songs man schon nach wenigen Sekunden anhört, wen sie gerade wiederum hören, um diese einfältige Erfolgsformel schamlos für ihren eigenen Vorteil zu adaptieren.

Aber das sind nur Randnotizen und im Vorbeigehen gedrückte Sprüche; nicht mehr als hämische Halbsätze. Lance hat keinen Bock mehr auf den »Kuchen«, nicht mal auf einen Teil oder Krümel davon. Sollen die anderen doch ihre kaputten Egos gegeneinander aufbringen. Lance hat damit nichts zu tun und will das auch gar nicht mehr. Er hat richtige Probleme!

Das Schlimme ist: Man hätte das wissen können. Zwischen all den arroganten Battle-Zeilen schwang immer schon im Subtext auch eine Ahnung der eigenen Kaputtheit mit – aber was auf »ANGST« passiert, ist dagegen wirklich schwere Kost.

Schon wenn in »Wake Up Fuck Up« der Biggie-Vocalcut »I know how it feel to wake up fucked up« über einen reduzierten Beat aus knarzenden Bässen und magenmassierenden Kickdrums poltert, weiß man, wie Lances everyday struggle gerade aussieht: Handy auf Flugmodus, kiffen, schlafen, kiffen, Menschen meiden – von Montag bis Sonntag kein Bock und dann wieder von vorne. Negativität als Zuflucht bis einem alles egal ist.

Nur verständlich, dass daraus Songs wie »So Schön« entstehen – eine resignierte Retrospektive auf Zeiten, in denen die Realität Lance die Scheiße aus dem Leib geprügelt hat. Auch »Mag Sein« ist so schonungslos ehrlich und persönlich, dass es einem die Kehle zuschnürt, während »Wald« Resignation als letzte Rettung sieht. Schon möglich, dass auch mal etwas Gutes passiert, aber selbst daran findet Lance immer noch einen Fehler – ständig im Clinch mit seinem größten Feind: sich selbst.

Auch musikalisch ist »ANGST« durch und durch eine düstere Angelegenheit: Übersteuerte Bässe, runtergepitchte Pianoläufe und stotternde Snares laufen zu kaltklaustrophobischen Klangcollagen zusammen. Verantwortlich dafür ist Ahzumjot, der das Album in Gänze produziert hat. Dass er und Lance Butters harmonieren, haben sie vor gut zwei Jahren schon mit ihrer gemeinsamen »Die Welle«-EP bewiesen.

Aber Ahzumjot fungierte für »ANGST« nicht einfach nur als Produzent und Dienstleister, sondern vor allem auch als Freund. Wohlgemerkt als einer, der schon da war, bevor daraus auch ein Business geworden ist. Einer, der zuhört, berät und auch mal sagt, wenn Dinge schieflaufen. Gemeinsam haben die beiden mit »ANGST« so eine Platte gemacht, die einen anderen Lance zeigt.

Einen, der nicht mehr wie auf »selfish« klingt. Wieso auch? Lance Butters hat noch nie gemacht, was andere von ihm verlangt haben. Und die Dinge ändern sich nun mal. Warum von Girls, Kush und Cash erzählen, wenn man das a) auf zig EPs und Alben schon zur Perfektion getrieben hat und b) das eigene Leben gerade ganz anders aussieht?

»Ich werde nie erzählen, wie ich heiße oder wo ich wohne«, sagt Lance Butters. »Aber ich will die Maske so weit fallen lassen, dass du immer noch nicht erkennst, wer darunter steckt, aber trotzdem checkst, dass dahinter jemand ist, der eine Message hat. Ich will Sachen von mir preisgeben, ohne mich selbst zu verraten. Weil ich denke, dass ich Dinge in mir trage, die viele andere verstehen und genau so sehen.«



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